Wie blicken wir in der Passionszeit auf uns selbst, wie blicken wir auf Gott? (Fassadendetail der Kathedrale von Exeter/England
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Wortbrücke der Evangelischen Domgemeinde Magdeburg zum Sonntag Reminiszere, den 1. März 2026
„Gedenke, Herr, an Deine Barmherzigkeit!“
(Psalm 25, 6 – Wochenspruch Reminiszere)
Nun sind wir in der Fastenzeit angelangt, der Passionszeit, der nachdenklichen Zeit. So geht das Kirchenjahr und beleuchtet immer wieder neue Aspekte der Verbindung zu Gott. Für uns Menschen ist die Passionszeit aber nur dann wirklich relevant, wenn wir uns bewusst, gewollt und freiwillig mit ihr und damit eben mit Gottes Weg mit uns auseinandersetzen. Ansonsten geht in unserer säkularen Welt alles seinen gewohnten Weg, von etwas Gesundheitsfasten einmal abgesehen. Das darf sein, denn auch das ist ein Ausdruck der freien Gesellschaft, an der wir in unserer Demokratie auch als Christenmenschen festhalten wollen. Wenn wir uns aber für eine Beziehung mit Gott in Jesus Christus entscheiden, dann dürfen wir tatsächlich uns fragen, wie Gott auf uns blickt, wie wir auf ihn schauen – und wie auf uns selbst. Die Sonntagstexte geben uns Hilfe hierzu.
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Gott ist barmherzig. Deswegen wendet sich der Wochenspruch (s.o.) auch direkt an Gott. Wir Menschen sind ganz wankelmütige und fehlerhafte Wesen. Wenn wir in Reflektion, im Blick auf uns selbst unsere Fehlgriffe erkennen, können wir sicher sein, dass wir bei Gott immer ein offenes und zugewandtes Ohr finden. Er ist trotz alledem immer wieder neu bereit, uns zu begleiten auf unserm Lebensweg. Wir dürfen uns das gerne als gesichert hinter unser Ohr schreiben oder deutlich an unsern Spiegel klemmen.
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„Achtet ernstlich darauf um eures Lebens willen, dass ihr den Herrn, euren Gott, lieb habt.“ (Josua 23,11). Mit der Herrnhuter Losung für den 1. März werden wir darauf hingewiesen, dass die Liebe zu Gott nicht nur die Basis einer guten Beziehung zum Ewigen ist, sondern uns selbst reflexiv gut tut. Liebe zu Gott ist ein besonderes Mittel zu einem guten, erfüllten Leben. Der Text geht dabei nicht von einer Liste von Vorschriften aus, sondern von einem freien Miteinander. Wenn das gelingt, dann ergeben sich daraus für uns fast schon folgerichtig neue, dem Menschen angemessene Verhaltensweisen. Gottes Gebote drücken nicht, sie sagen uns nicht verengend „Du musst“, „Du sollst“, „Du sollst nicht“, sondern in aller Freiheit „Du darfst“, „Du kannst“, „Du brauchst nicht“, „Du darfst lieben, Du kannst gestalten, Du brauchst nicht zu lügen, zu stehlen, zu töten.“ Und wenn es doch misslingt und Reue echt ist, dann gilt bereits wieder der erste Punkt. Gott ist barmherzig. „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!“
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„Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.“ (1. Johannes 5, 3). Gebote, das Wort aus dem Lehrtext zum Tage, sind bei den Menschen nicht ganz beliebt. Und doch geben uns Gottes Gebote die Leitplanken, die uns auf der Lebensbahn halten und uns nicht in den Abgrund stürzen lassen. Gottes Gebote sind klar verstehbar, von den Zehn Geboten angefangen. Aber in Jesus Christus geht Gott über die Tafeln vom Sinai ganz menschenangemessen hinaus, und das macht es uns wirklich im Verständnis leicht, auch wenn der Einzelfall immer wieder einmal schwerfallen kann. Auf die Frage nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus aus alter jüdischer Tradition mit einem Wort, das weltumspannend gilt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22, 37-39). Das ist das zentrale, gute Gebot. Es ist leicht aufzunehmen und durchaus nicht schwer zu begreifen. Das Gebot ist zwar leicht, aber manchmal ist es schwer umzusetzen. Aber Gott ermuntert uns – gerade in der Reflexion der Fastenzeit – ausdrücklich dazu, es immer wieder, fröhlich und offen und frei zu versuchen, weil es uns und allen andern Menschen gut tut. Und wenn es doch manchmal und vielleicht auch immer wieder misslingt, aber die Reue echt ist? Nun, dann kennen wir schon die Antwort, die den Neuanfang ermöglicht: Gott ist barmherzig. „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit.“ Reminiszere. Gott wird sich immer wieder neu darauf einlassen. Lassen wir uns immer wieder neu auf ihn ein. Es tut uns gut!
Stephen Gerhard Stehli, stv. GKR-Vorsitzender
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