Ernst Barlach (1931)
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Wortbrücke in die Domgemeinde Rogate - 10. Mai 2026
Von der Kraft des Gebetes
Sonntag Rogate betont die Kraft des Gebetes. Wenn ich mit den Konfirmanden über das Beten rede, wird zuvor erstmal ein Gebet gesprochen. Es muss nicht lang sein, aber es ist eine Einübung in die persönliche Glaubenspraxis. Professor Not lehrte die Studierenden das Gebet. Not lehrt beten. Er hatte dazu auch ein dickes Buch geschrieben. Bei einer Klausurtagung musste er mit zwei Studenten ein Zimmer teilen. Das Haus war überbucht. Nun, dachten die Studierenden, wollen wir doch mal hören, was der Professor für ein Gebet vor dem Einschlafen spricht. Er kam kurz vor Mitternacht, die Studierenden stellten sich schlafend. Professor Not legte sich ins Bett und sprach: Herr, mit uns bleibt es beim Alten. Wenig später hörte man im Zimmer sein leises Schnarchen.
Ich habe die Geschichte erfunden, aber sie gefällt mir. Ein Gebet aus der Tiefe des Herzens braucht nicht viele Worte. 7 Wörter reichen, wenn man in der Balance ist. Jesus hat seine Jünger ermahnt, beim Beten nicht zu plappern. Und er gab ihnen das „Vater unser“ mit als Geländer. 63 Wörter, die seit zweitausend Jahren die Welt umspannen.
Eine Zeit lang schien das Gebet Jesu aus der Gesellschaft fast verschwunden zu sein. Unzählige Male habe ich es allein an offenen Gräbern gebetet. Es ist nach meiner Wahrnehmung zurückgekehrt. Mittlerweile stimmen viele Menschen mit ein, wenn ich die ersten Worte anstimme. In den großen Schulgottesdiensten, bei Trauungen und Beerdigungen – die Wörter entfalten ihre Kraft. Es ist gut, seinen Gedanken eine Richtung zu geben, damit sie nicht ständig im Kopf kreisen. Und Gebete verändern Menschen, die dann die Welt verändern können. Amen (dt. So soll es sein).
Domprediger Jörg Uhle-Wettler
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