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Menora vor der Knesset in Jerusalem – Bild: Stehli
 

Wortbrücke zum 10. Sonntag nach Trinitatis – Israelsonntag – 9. August 2026

„Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! (Psalm 33,12)

Israel! Wenn wir heute das Wort hören, das diesem Sonntag seinen weiteren Namen gibt, erzeugt es bei uns die unterschiedlichsten Vorstellungen. Das ist kein Wunder, denn „Israel“ kann so vieles bezeichnen. Zunächst ist Israel ein Name, der zweite Name, den der Erzvater Jakob nach einer Erzählung im 1. Buch Mose von Gott selbst erhält. Israel, der Name heißt „Gott herrscht“, „Gott kämpft“, vielleicht sogar „Er kämpft mit Gott“, steht am Anfang der jüdischen Glaubensüberlieferung, aber auch der christlichen, von der dieser Dom zeugt. Israel bezeichnet aber auch das Volk Gottes der Bibel, die Israeliten, dann auch das Land, in dem sie wohnen, ebenso die damalige politische Königreichsstruktur. Wenn wir ins Heilige Land fahren, so sagen wir auch, dass wir nach Israel fahren, denn der Name bezeichnet auch den Staat Israel, der im Nahen Osten 1948 entstanden ist und der tagtäglich unsere Nachrichtenwelt, unsere politischen Diskussions- und auch Auseinandersetzungsebenen prägt. Alle diese Ebenen sind historisch, kulturhistorisch und politisch miteinander verwoben und können auch von unserer eigenen Geschichte des Christentums wie unserer deutschen Geschichte nicht getrennt werden. Der Israelsonntag, früher allein der Erinnerung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels gewidmet, lässt uns heute das Verhältnis von Juden und Christen in seiner Gesamtheit reflektieren, gerade auch der schwierigen, schmerzvollen Geschichte wie der neuen Betrachtung seit ca. achtzig Jahren, in der wir uns mehr und mehr der unveränderbaren und unabdingbaren Wurzeln des christlichen Glaubens im Judentum bewusst werden.

Dabei stand es immer in der Bibel, dem Buch über den Weg Gottes mit seinen Menschen, deren ersten und größeren Teil Juden und Christen gemeinsam haben. Der Wochenspruch aus Psalm 33 oben macht die Zuneigung und Erwählung Gottes mit klaren Worten deutlich. Aber auch das Neue Testament trennt hiervon nicht, sondern betont geradezu die jüdischen Wurzeln des Christentums, auch wenn gerade Christenmenschen dieses seit Jahrhunderten mit schweren Folgen zu verdrängen suchten.

Dabei steht in der Epistel des heutigen Sonntags aus dem Römerbrief klar und eindeutig: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ Damit hat der Völkerapostel und Jude Paulus von Tarsus Israel gemeint. Das Neue ist, dass durch den Juden Jesus von Nazareth nun deutlich und unterstrichen auch alle anderen Menschen in die Erwählung Gottes hineingenommen werden. Der Glaube Israels, der nie exklusiv war, wird nun in der Lehre Jesu von Gerechtigkeit und Frieden, Freiheit und Solidarität inklusiv verkündet, umfassend für alle. Daher müssen wir, wenn wir unsern eigenen Glauben ernst nehmen, uns immer gegen alle Formen des Antijudaismus und des Antisemitismus stellen. Damit wird zusätzlich deutlich, dass Glaube nie im luftleeren, rein geistigen Raum stattfindet, sondern immer in der Welt, auch in der politischen Welt. Für uns Christenmenschen in Deutschland besteht daher eine Verpflichtung auch für den weltlichen Staat Israel in seiner Existenz, denn er wurzelt in seinem Entstehen und Überleben auch in der Vernichtung des europäischen Judentums während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das ist keine Verpflichtung gegenüber einer bestimmten Regierung und fordert gerade eine ausmerksame (und manchmal durchaus kritische) Begleitung in Zeiten des Friedens wie während kriegerischer Auseinandersetzung, lehnt aber jede Form der Delegitimierung Israels ab. Israel – der Name, das Volk, das historische Reich, der moderne Staat: wir bleiben mit Israel auf so vielen Ebenen verwoben, weil wir Christenmenschen unsere Wurzeln nicht kappen können (warum auch?), weil Juden und Christen den einen Gott gemeinsam haben. „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!

Stephen Gerhard Stehli, Präses im Kirchenkreis Magdeburg