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Lucas Cranach d. Ä., Adam und Eva – Der Sündenfall, 1546 (gemeinfrei)
 

Wortbrücke zum Sonntag Invokavit (1. Sonntag der Passionszeit) (22.02.2026)

Wer wir sind und warum es auf dieser Welt so ist, wie es ist – das wird ganz am Anfang der Bibel erzählt. Es geht dabei nicht um den Anfang unserer Geschichte im biologisch-historischen Sinn. Hier geht es vielmehr darüber hinaus: Es geht um die „Ur-Geschichte“ der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Es ist die Geschichte des Menschen, jedes Menschen, mit Gott. Sie ist alt. Aber nahe an uns dran. Rührend und schmerzlich, mitunter auch komisch und grotesk. Sie fordert uns heraus. Denn sie ist heute so aktuell wie vor tausenden von Jahren.

Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist (Genesis 3, 4 f.).

Mit dem Auftritt der Schlange passiert etwas Besonderes. Zum ersten Mal steht der Mensch einer Erscheinung gegenüber, die von außen kommt. Der Schlange gegenübergestellt muss er wählen, muss entscheiden. Die Schlange spricht die gleiche Sprache wie der Mensch. Und sie weiß sich Gehör zu verschaffen. Sie kennt unsere Schwachstellen und setzt genau dort an. Da wo wir leicht zu versuchen sind, weil wir misstrauisch werden. Wo wir das Gefühl haben, da wird uns doch etwas vorenthalten, ich fühle mich in meiner Freiheit eingeschränkt. Die Schlange vertritt die Stimmen, die uns Menschen Gott als Verbotsinstanz einflüstern. Wo wir nicht alles wissen sollen, da werden wir hellhörig. Wir wollen doch gerne wissen, was gut und böse ist. Oder genauer – und darum geht es hier: Wir wollen es gerne selbst bestimmen, was gut und böse ist. „Sein wie Gott“ – dieses Angebot steht im Raum. Steht gegen Gottes Gebot, vom Baum in der Mitte des Gartens nicht zu essen. Dass es ihn vor den fürchterlichen Folgen seiner Allmachtsphantasien bewahren soll, versteht der Mensch nicht. Er will alle Möglichkeiten in der Hand haben und greift zur verbotenen Frucht. Noch könnte er es lassen, auch hineinzubeißen. Aber diese Geschichte weiß: Immer wieder wird der Mensch es tun.

Hätten die beiden es sein lassen können, im letzten Moment? Wo er sein will wie Gott, da kann er nicht widerstehen, der Mensch, da ist diese Geschichte sehr nüchtern. Ist es so? Die Geschichte beschreibt jedenfalls, wie es weitergeht, wenn der Mensch der Versuchung nicht widersteht, sein zu wollen wie Gott. Als die Menschen sich stellen sollen, wird es zunächst possenhaft grotesk. Adam tritt auf wie die Karikatur des schwachen Ehemannes, der sich passiv in Unabänderliches fügt, und seine Frau die Entscheidungen für sich treffen lässt. Es folgt der Klassiker: die Frau war’s. Oh nein! Die Schlange war’s. Einer zeigt auf den anderen. So possenhaft es aber auch ist: Es ist das erste Mal, dass in dieser Geschichte und in der Bibel überhaupt die Angst auftaucht. Die Angst, mit den Folgen des Verhaltens in Freiheit konfrontiert zu werden. Das ist unangenehm. Da zeigen wir reflexhaft mit dem Finger auf andere, flüchten uns in Formeln wie: „Die anderen aber auch“ – es wäre kein Wunder gewesen, wenn Gott spätestens an dieser Stelle das Experiment Mensch abgebrochen hätte. Leider ist diese Gattung nicht in der Lage, mit ihrer Freiheit umzugehen. Aber irgendwas scheint Gott am Menschen zu mögen. Zu lieben. Es geht weiter. Der Mensch bleibt ein Gegenüber Gottes. Ein Ebenbild, das in seiner freien Entscheidung weiterhin ernst genommen wird, auch wenn sie falsch war. Gott sei Dank!

Einen gesegneten Sonntag und eine gesegnete Passionszeit
wünscht Ihnen Ihr Friedrich Kramer, Erster Domprediger und Landesbischof