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(Rembrandt van Rijn, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes, 1666-69, Eremitage Sankt Petersburg (Wikipedia)
 

Wortbrücke der Evangelischen Domgemeinde Magdeburg, 3. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2026

Sie ist eine der bekanntesten und anrührendsten Erzählungen aus der Bibel, die Geschichte vom verlorenen Sohn. Im Lukasevangelium finden wir dieses Gleichnis Jesu, das prägend ist für das Christentum und in die weltweite Kulturgeschichte aufgenommen wurde. Kurz zusammengefasst: der jüngere Sohn, der sich sein Erbteil vom Vater auszahlen lässt, bringt alles im Ausland durch, dort verarmt und verzweifelt er und kehrt dann reuig und bescheiden nach Hause zurück und wird vom Vater in Liebe trotz alledem wieder aufgenommen. Sein älterer Bruder, der daheim blieb, ist ob dieses Liebesbeweises des Vaters zornig und wird erst vom Vater selbst unmittelbar zum Mitfeiern angesprochen, trotz alledem.

Dieses Gleichnis fasst in sehr konkreter Art und Weise das Verständnis Gottes für die Christenmenschen aus dem Leben und Lehren Jesu zusammen und verbindet es mit typisch menschlichem Verhalten. Wie der Vater, der seinem Sohn die Freiheit des Erbteils unmittelbar gibt (unter Menschen nicht zu häufig), so lässt uns Gott unsere eigene Freiheit zur Entscheidung, unabhängig davon, ob wir alles überblicken. Die Welt ist nicht ideal, sie ist ebenso schön wie gebrochen und voller Gefahren und Ungerechtigkeiten, aber Gott lässt uns trotz alledem unsere eigene Freiheit, unsern eigenen Willen, unsere eigenen Entscheidungen. Dieser freie (und manchmal auf dem zweiten Blick oft nicht so freie) Wille wird, wenn er beschränkt wird, durch Menschen untereinander beschränkt. Der freie Wille ist und bleibt seit Jahrtausenden für viele Theologen und Philosophen ein Rätsel.

Aber zurück zum Gleichnis. In Not und Elend, sogar, wenn es selbst verschuldet ist und dann noch mit Schuld und Fehlverhalten beladen wird, gibt es immer einen Weg zurück zu Gott, zurück zu einem Stand des Verzeihens und Angenommenseins. Die Menschen, wir, gehören nach dem Willen Gottes weiterhin und immer wieder zu ihm selbst dazu, ohne Einschränkungen. Dabei geschient noch weiter Wunderbares: Der Vater, Gott, läuft seinem Sohn entgegen. Er wartet nicht, bis er herankommt, sondern sucht ihn selbst, kommt, rennt ihm entgegen. Das ist ein ganz besonderer Zug unseres Gottes: er wartet nicht darauf, dass wir ihn suchen, sondern er sucht seine Menschen, uns, selbst, aktiv. Er kann gar nicht anders, denn er ist als unser Gott so von Liebe und Zuwendung geprägt, dass er auch als die Liebe selbst verstanden werden kann. Damit wir ihn aber besser verstehen, kommt er uns Menschen im Menschen Jesus von Nazareth immer wieder entgegen. Berühmt ist das Bild dieses Gleichnisses, das Rembrandt in besonderem Licht-und-Schatten-Wechsel gemalt hat und das die Innigkeit der Beziehung und der Zuwendung deutlich macht. Aber der Vater geht auch zu seinem älteren Sohn, der treu daheim blieb und jetzt nicht versteht, dass scheinbar alles um seinen jüngeren Bruder vergessen und verziehen ist. Auch hier geht Gott uns Menschen nach, kommt auf uns zu und sucht uns zu erklären, dass Gnade und Liebe umfassend und allen zugänglich sind, man sie aber nicht verdienen kann – und auch nicht verdienen muss. Die Liebe zum älteren Sohn ist nicht kleiner als die zum jüngeren, aber der jüngere bedarf nun gerade besonders der fassbaren, spürbaren Liebe. Allen Menschen geht Gott aus Liebe nach, alle möchte er weiter und wieder in ein gutes Verhältnis zu ihm führen, die verstopften Kanäle zwischen Mensch und Gott (= Sünde) wieder frei machen, die Beziehung wieder auf eine alte wie neue, feste Grundlage stellen.

In der beschränkten, endlichen Welt bleibt uns die Verantwortung für das, was wir tun, und Gott bestärkt uns darin, dass wir uns auch unseren Verantwortlichkeiten stellen, was manchmal schwer ist. Die Liebe Gottes zu uns ist aber umfassend und beständig, sie wird immer wieder neu tragen, wenn wir stets uns zu Gott gehalten haben und damit unser Bestes versucht haben, oder wenn wir nach vielen Irrungen und Wirrungen und nur scheinbar Erfüllendem wieder zu ihm zurückfinden. Er kommt uns ganz sicher entgegen. Dr. Martin Luther würde schreiben: „Das ist gewisslich wahr!“ und ich ergänze: bitte die Geschichte live nachlesen in Lukas 15. Sie werden ob der beschriebenen Liebe noch mehr staunen als über ein prächtiges Gemälde von Rembrandt.

Stephen Gerhard Stehli
stellvertretender Domgemeindekirchenratsvorsitzender