Startseite   |   Impressum   |   Datenschutz    


 

Wortbrücke zum 11. Sonntag nach Trinitatis, den 31.8.2025

Liebe Schwestern und Brüder,

dieser Sonntag mit seinen Bibeltexten bringt uns zum Nachdenken über unsere eigene Demut. Die jüdische Literaturnobelpreisträgerin von 1966 Nelly Sachs schrieb folgendes, als sie das erste Mal nach 20 Jahren in Deutschland zu Besuch war: „Wir alle sind Betroffene. Wir sind betroffen, auf Erden zu leben und die ungeheure Aufgabe durchzuführen, diesen Stern zu durchschmerzen — zu durchlieben —, bis er durchsichtig wird, von unserem gesagten und nichtgesagten Wort durchzogen- dieser Geheimschrift, mit der wir ein unsichtbares Universum lesbar machen für ein göttliches Auge. Alles gilt, alles ist Ferment, das wirkt. Und wir, vor Irrtum rauchend- versuchen, ob gut, ob schlecht- wir versuchen wieder und wieder…“

Können wir unsere menschliche Position in der Welt realistisch einschätzen? Machen wir uns klein oder leugnen unseren eigenen Wert? Eigentlich sind wir alle Geschöpfe und Kinder Gottes, schon deshalb mit Würde und Wert ausgestattet, jedoch erkennen wir unser eigenes Geringsein im Vergleich mit der Größe Gottes und kommen oft an unsere menschlichen Grenzen. Nelly Sachs umschreibt gut mit ihren Worten, dass wir so oder so, bis zum letzten Atemzug dem Gutem und dem Bösen ausgesetzt. Unsere Haltung, unser Glaube, als auch unsere Talente, Fähigkeiten und Tugenden entscheiden darüber, wie wir in der Welt wirken. Sehen wir mit einem großen Herzen auf das, was um uns passiert, schauen wir in das Herz unseres Gegenübers, gehen wir mutig ans Werk, um etwas zu verändern, zeigen wir unsere Fähigkeiten und wenden sie an? All dies zeigt die Größe unserer Demut. Und dann sind da noch die Wunden und Krisen in unserem gesamten Leben, denen wir begegnen und die uns herausfordern. Alle Wunden und Krisen, die wir erfahren, führen ab einem gewissen Punkt zu einer Ohnmacht in uns. Wir erkennen unsere eigene Machtlosigkeit, in uns liegt alles brach. Sind wir an so einem Punkt angekommen, ist es wichtig, aufzuwachen und nach Wegen zu suchen. Rückzug in uns selbst, Resignation bringt uns nicht weiter. Hiob schreit und klagt, er resigniert nicht. Das ist ein ganz kleiner erster Schritt aus der Ohnmacht, die Wunden oder Krisen verursacht haben. Wir bleiben immer noch in Beziehung zu Gott, in dem wir ihn belagern und anrufen. In unserer Wut und Klage findet das Bedürfnis nach Geborgenheit Ausdruck. Es ist eine Art der eigenen Mobilisation durch Wut zum Mut zu kommen, alles auszusprechen, die Verwundung zuzulassen und auszuhalten. Wir gehen weiter kleine Schritte ins Leben, auch wenn es uns schwerfällt, es kommt im Prinzip zu einer inneren Auferstehung unseres Geistes. Wenn wir nicht imstande sind, etwas mit Leibeskräften zu erreichen, können wir uns dem Geist hingeben, der uns Kraft gibt, unsere Seele wiederzufinden.

Die Pietà Rondanini im Castello Sforzesco in Mailand wird oft als das Vermächtnis Michelangelos bezeichnet. Er arbeitet bis kurz vor seinem Tod an ihr und sie blieb unvollendet. Die vordere der beiden Figuren lässt sich mit Christus identifizieren. Die hintere bleibt rätselhaft, doch die zarte Innigkeit legt die Interpretation nahe, dass seine Mutter dargestellt ist. Die Gestik der beiden Figuren lässt nicht eindeutig erkennen, wer aktiv trägt und wer getragen wird. Schaut eine Weile! Beide tragen einander- in einer sich bis ins Unendliche steigernden Kraft des Sich-Erhebens aus der Schwere. Beide sind dabei sich zu erheben. Die Skulptur ist unvollendet geblieben, somit bleibt auch die Dynamik der Figuren offen. Vielleicht soll es auch so sein, die Bewegung hat gerade begonnen. Die Auferstehung hat eben erst begonnen. Der Prozess als solcher bleibt uns allerdings verschlossen. Es ist eine Art offenes Geheimnis. Es findet vor unseren Augen statt, aber es gibt kein „Sesam öffne dich!“ dafür. Nur der Künstler in uns erfährt eine ganz anfängliche Ahnung davon. Wir müssen üben, wach zu bleiben.

Bleiben Sie alle wachsam für die zarten Anfänge nach großer Not und die kleinen Schritte ins Leben.
Ein gesegnetes Wochenende wünscht
Ihre Sybille Aumann