Taufe Christi, Miniatur aus dem Hitda-Evangeliar, um 1020 (gemeinfrei)
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Wortbrücke zum Ersten Sonntag nach Epiphanias (11.01.2026)
Als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe (Matthäus 3,16 f.)
Die Taufe Jesu wird im Matthäusevangelium als ein spektakuläres Ereignis beschrieben: Nachdem Jesus von Johannes getauft worden war, öffnete sich der Himmel und der Geist kam auf ihn herab wie eine Taube, heißt es dort. Ist die Taufe Jesu also die Verleihung des Geistes Gottes an ihn? Aber Jesus war doch bereits im Geist Gottes geboren worden. Im Matthäusevangelium heißt es ausdrücklich, dass Maria durch den Geist Gottes schwanger geworden war. Der Geist war also von Beginn an im Spiel, nicht erst bei der Taufe Jesu. Die Taufe Jesu scheint also in der Tat ein schwieriges Problem zu sein. Es ist darum wohl auch kein Zufall, dass sie es nicht einmal in das Glaubensbekenntnis geschafft hat. Die Geburt aus der Jungfrau Maria kommt dort zwar vor, aber dann geht es sofort weiter mit dem Leiden unter Pontius Pilatus. Die Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu, die zu Epiphanias beginnt, wird dagegen übersprungen.
Die Taufe Jesu war auf eigene Weise der Beginn eines ganz vom Willen Gottes bestimmten Weges: des Weges Jesu, der die Aufrichtung des Reiches Gottes verkündete und sein ganzes Leben in den Dienst für Gott stellte, bis hin zum Tod. Und doch – mit der Taufe Jesu war etwas ganz anders. Johannes ist empört, dass Jesus, der Sohn Gottes, von ihm getauft werden will. Ausgerechnet er, den Johannes selbst kurz zuvor als den Stärkeren angekündigt hatte, der nach ihm kommen wird; Jesus, der eine viel wichtigere Taufe vollziehen wird: nicht mit Wasser, sondern mit heiligem Geist und Feuer; ausgerechnet er kommt, um sich selbst taufen zu lassen! Diese Spannung prägt die Erzählung: Wie soll Johannes, wie sollen wir es verstehen, dass der verheißene Gottessohn sich Johannes unterordnen und von ihm getauft werden will?
In der Taufe Jesu wird eine eigene, eine neue Bedeutung der Taufe erkennbar. Für Johannes war die Taufe Versiegelung vor dem Gericht Gottes, Zeichen der Buße und des Reinwaschens von den Sünden. Für Jesus bedeutet die Taufe dagegen den Beginn der Herrschaft Gottes in seinem eigenen Wirken: die „Erfüllung aller Gerechtigkeit“. Gerechtigkeit im Sinne Jesu heißt, sich an Gott, seiner Barmherzigkeit und seiner Liebe zu den Menschen, auszurichten; die Zuwendung Gottes zu uns Menschen zum Maßstab für unser Miteinander zu machen. Die Ordnung Gottes, die Jesus gebracht hat, ist eine Ordnung, in der nicht die Macht des Stärkeren regiert, sondern die sich der Schwachen und Kranken annimmt; eine Ordnung, in der auf die Hilfebedürftigen geschaut wird, auf die Einsamen und die Traurigen; eine Ordnung des Miteinanders und nicht der Ausgrenzung; der Zuwendung und nicht der Feindseligkeit.
Die Epiphaniaszeit vertieft so auf eigene Weise die Weihnachtsbotschaft. Haben wir zu Weihnachten gefeiert, dass Gott Mensch geworden ist, sich mitten hinein begeben hat in unsere Welt, so lautet die Botschaft von Epiphanias: Jesus hat durch sein Wirken Gottes Heil den Menschen nahegebracht: durch seine Verkündigung, durch seine Heilungen, durch seinen Weg bis hinein in die dunkelste Stunde am Kreuz. Seien wir gewiss, dass wir uns in der Nachfolge Jesu auf dem Weg befinden, der uns zur Gerechtigkeit Gottes führt. Diese Gerechtigkeit ist mehr und anderes als jede menschliche Ordnung. In dieser Gewissheit dürfen wir durch die Epiphaniaszeit und in das neue Jahr gehen.
Einen gesegneten Sonntag und ein gesegnetes neues Jahr wünscht Ihnen
Ihr Friedrich Kramer, Erster Domprediger und Landesbischof
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