Startseite   |   Impressum   |   Datenschutz    

Jean-Louis Ernest Meissonier, Jesaja, ca. 1838, The Wallace Collection, London, West Gallery III (gemeinfrei)
 

Wortbrücke zum 8. Sonntag nach Trinitatis (10.08.2025)

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!
(Jesaja 2, 4 f. = Predigttext für den 8. Sonntag nach Trinitatis 2025)

Der Prophet Jesaja schenkt uns seine Vision eines befriedeten Jerusalems. Er spricht zu einem Volk Israel, das umzingelt ist von Großmächten, die es zerstören wollen. Viele Jahrhunderte vor Christus, lange vor Mohammed, lange bevor die unterschiedlichen Weltreligionen Jerusalem als heilige Stadt für sich beanspruchten. Schon damals war Israel eingequetscht und bedroht von allen Seiten. Und mitten in diese Bedrohung hinein, kommt ein Ton der Hoffnung ein aufleuchtendes Licht.

Schwerter werden zu Pflugscharen geschmiedet, und die Völker werden Frieden lernen statt Krieg. Dieser Text ist eine Erleuchtung, eine lichte Vision. Lasst uns wandeln im Licht. Man kann lernen, wie Gerechtigkeit geht und Frieden. Wir wissen, dass es anstrengend ist, den Frieden zu lernen, so anstrengend, wie Schwerter in einen Pflug umzuschmieden oder wie Spieße in Sicheln zu biegen. Aus Kriegswerkzeug soll Werkzeug werden, um den Boden zu bestellen und zu bebauen. Damit aus Dunkelheit Licht werde und aus Zerstörung Zukunft.

Der Vorschlag, Schwerter in Pflüge umzuschmieden, trifft die Waffen der Zeit des Jesaja. Aber wie ist es im Angesicht neuer Aufrüstung, Drohnen und KI-gestützter Waffen? Die Atomwaffen oder die hybriden Kriegsformen mit unendlichen Überwachungsmöglichkeiten im Internet, Einflussnahme und dem Lahmlegen der Infrastruktur betrifft im Kriegsfall Hundertausende. Die Zerstörungskraft der Menschen ist unermesslich geworden und das, was wir aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt haben, scheint die Weltgemeinschaft zu vergessen: Krieg ist verboten, und Waffen müssen verantwortlich auf allen Seiten abgerüstet werden. Aber von Verantwortung spürt man derzeit nicht viel. Manch einen beschleicht der Eindruck, dass verteilt auf dem Globus mächtige Männer sitzen und an dieser Welt zündeln, als freuten sie sich auf den nächsten Krieg.

Frieden geschieht nicht einfach. Er ist harte Arbeit und beginnt in Deinem Herzen. Hast Du die Friedensbereitschaft? Praktisch geht es in der Friedensarbeit oft so: Menschen werden dazu trainiert, nicht auf dem eigenen Recht zu bestehen. Sie lernen, Fantasie zu entwickeln für den anderen. Friedensarbeit heißt, sich selbst umzuschmieden, und von der Haltung eines Menschen, der sich durchsetzen will, ohne Rücksicht auf Verluste, zu einem zu werden, der darauf achtet, dass alle gewinnen. Und wer in diese Licht-Zone tritt, wer Frieden schafft und den anderen sieht, seine Bedürfnisse und Ängste und wer sich zurücknehmen lernt, der lebt in diesem Licht. In der Bibel heißt diese Lichtzone des Friedens "Nächstenliebe". Die christlichen Gemeinden sind seit Jahrzehnten der Ort, an dem diese Friedensarbeit gepredigt, bedacht, besprochen und eingeübt wird. Es ist unsere gemeinsame Arbeit an einer neuen Gesellschaft und einer neuen Welt, die wir tun können, ohne eine Garantie auf Erfolg. Denn Frieden, Schalom, ist weit mehr als die Abwesenheit von Krieg, und er braucht unsere Bereitschaft, ist aber, das wissen unsere Heiligen Schriften, am Ende ein Gottesgeschenk.

Einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche wünscht Ihnen
Ihr Friedrich Kramer, Erster Domprediger und Landesbischof